Frieden durch Abstand

Es gibt Menschen, die glauben, ein Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern müsse immer aus Hass entstehen. Meine Erfahrung ist eine andere.

Von 2003 bis 2019 hatte ich keinen Kontakt zu meiner Mutter. Sechzehn Jahre lang. Eine Zeit, die nicht aus einer spontanen Laune heraus entstand, sondern aus der Erkenntnis, dass mir der Abstand guttat.

In diesen Jahren machte ich eine lange Therapie. Über sechs Jahre hinweg beschäftigte ich mich immer wieder mit meiner Kindheit, meiner Familie und besonders mit der Beziehung zu meiner Mutter. Sie war eines der zentralen Themen. Meine Therapeutin war damals der Meinung, dass der fehlende Kontakt für mich gesund sei.

Trotzdem nahm ich 2019 wieder Kontakt auf. Nicht für mich. Nicht, weil sich plötzlich alles geändert hatte. Nicht, weil es eine große Versöhnung gegeben hätte.

Mein Enkel wurde geboren.

Ich wollte nicht, dass er auf einen Teil seiner Familie verzichten muss. Also öffnete ich eine Tür, die viele Jahre geschlossen gewesen war.

Heute, einige Jahre später, kann ich sagen: Meine Mutter hat sich nicht verändert. Sie ist inzwischen 82 Jahre alt. Nach dem Tod meines Stiefvaters verbrachte ich vier Wochen bei ihr. Diese Zeit zeigte mir deutlich, dass die alten Muster noch immer vorhanden sind. Selbst meine Erkrankung ME/CFS wird von ihr nicht wirklich akzeptiert oder verstanden.

Früher hätte mich das verletzt. Heute nicht mehr.

Nicht, weil es unwichtig geworden ist. Sondern weil ich aufgehört habe, etwas von ihr zu erwarten, das sie mir nie geben konnte.

Während der sechzehn Jahre ohne Kontakt hatte meine Tochter weiterhin Verbindung zu ihrer Großmutter. Trotzdem fragte meine Mutter nie nach mir. Früher hätte ich nach Erklärungen gesucht. Heute ist es einfach eine Tatsache.

Manche Wahrheiten verlieren ihren Schmerz, wenn man aufhört, gegen sie anzukämpfen.

Ich diskutiere nicht mehr. Ich rechtfertige mich nicht mehr. Ich versuche nicht mehr, Verständnis zu erzwingen. Das kostet nur Kraft – und Kraft ist für mich mit ME/CFS eine besonders wertvolle Ressource.

Heute habe ich Kontakt zu meiner Mutter, aber mit Abstand. Ein Abstand, der nicht aus Ablehnung besteht, sondern aus Selbstfürsorge.

Gelassenheit bedeutet für mich nicht Gleichgültigkeit. Es bedeutet, die Realität anzunehmen, wie sie ist.

Meine Mutter ist, wie sie ist.

Und ich bin, wie ich bin.

Das genügt.

Manchmal ist Frieden nicht das Ergebnis einer Versöhnung. Manchmal entsteht Frieden, wenn man aufhört, einen Menschen verändern zu wollen und akzeptiert, dass er niemals der Mensch sein wird, den man sich gewünscht hat.

Für mich war genau das ein großer Schritt in die Freiheit.

Von admin

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