Hier einmal in ganz persönlicher eigener Sache:

Ich schreibe offen über mein Leben, weil meine Sicht sonst niemand erzählt. Meine Beiträge sind öffentlich — und es ist völlig in Ordnung, wenn auch das Jugendamt mitliest. Ich nenne keine Namen, keine Schuldigen. Ich schreibe über ME/CFS, über Liebe, über Verlust und darüber, wie Entscheidungen manchmal weh tun. Gefühle sind keine Straftat. Meine Wahrheit auch nicht.

Gemeinsamer Einkauf

Gemeinsamer Einkauf

26.Juni.2023

Heute war Dani mit mir unterwegs, um für meinen Geburtstag Kuchen zu kaufen. Ein schöner, kleiner Ausflug — dachte ich. So einer, der leicht sein sollte, unbeschwert, ein bisschen Oma‑Enkel‑Zeit.

Doch dann stand er neben mir, mein Dani, und ich sah ihn richtig an.

Sein T‑Shirt war voller Löcher. Nicht kleine, zufällige — sondern so viele, dass es aussah, als hätte es längst ausgetauscht werden müssen. Und an seinen Füßen: dicke Ski‑Socken. Bei dreißig Grad. In Halbschuhen.

Es war dieser Anblick, der mich traf. Nicht laut, nicht dramatisch — eher wie ein Stich, der tief sitzt, weil er etwas zeigt, das man nicht sehen will.

Er selbst war fröhlich, wie immer. Er hüpfte neben mir her, suchte sich Kuchen aus, erzählte mir kleine Geschichten, als wäre alles ganz normal. Und vielleicht ist es für ihn normal. Vielleicht kennt er es nicht anders.

Aber ich stand daneben und spürte dieses Ziehen im Bauch. Dieses Gefühl, wenn man merkt, dass ein Kind nicht so umsorgt wird, wie es sollte. Dass jemand nicht hinschaut. Oder nicht genug.

Ich sagte nichts. Ich wollte ihm den Moment nicht nehmen, wollte nicht, dass er merkt, wie sehr mich das trifft. Also lächelte ich, hörte ihm zu, ließ ihn entscheiden, welchen Kuchen wir nehmen.

Doch innerlich blieb dieses Bild: Ein kleiner Junge, der an einem heißen Sommertag in Ski‑Socken und einem löchrigen T‑Shirt neben mir steht — und der es wert wäre, dass jemand besser auf ihn achtet.

Mein Berufsleben

Mein Berufsleben

Wenn ich auf mein Berufsleben zurückschaue, fühlt es sich manchmal an wie mehrere Leben in einem. Angefangen hat alles 1979, als ich in Frankfurt den Beruf der Modistin erlernte. Drei Jahre lang: Stoffe, Formen, Handwerk, Kreativität. Bis 1996 blieb ich diesem Beruf treu — ein Stück Identität, das mich durch viele Jahre getragen hat.

Zwischendurch gab es eine Zeit, in der ich ein kleines eigenes Bekleidungsgeschäft führte. Nicht, weil ich reich werden wollte, sondern weil es die einzige Möglichkeit war, den Alltag zu organisieren. Zwei Kinder, zwei verschiedene Schulen, täglich rund 50 Kilometer Autofahrt — und ich mittendrin, jonglierend zwischen Muttersein und Selbstständigkeit. Es war anstrengend, aber es funktionierte. Irgendwie.

Nach der Scheidung arbeitete ich Vollzeit im Modeeinzelhandel. Alleinerziehend, wechselnde Arbeitszeiten, kaum Planbarkeit — ein Spagat, den viele kennen, aber wenige wirklich verstehen. Doch ich habe ihn gemacht. Jahrelang.

2002 bis 2003 kam dann ein Wendepunkt: eine Vollzeit-Fortbildung zur Fachkraft für Online-Marketing und E‑Commerce. Und ja — ich liebe PCs. Schon seit der Amiga 2000 auf dem Markt war. Diese Welt hat mich begeistert: logisch, kreativ, grenzenlos.

Danach organisierte ich selbstständig Kurse in der Erwachsenenbildung, mit eigenem Büro in Frankfurt-Höchst. Wenn ein Dozent ausfiel, sprang ich einfach selbst ein. PC-Kurse geben? Kein Problem. Ich mochte es. Ich konnte es. Ich war gut darin.

Und dann begann etwas, das ich damals nicht verstand: Eine Müdigkeit, die nicht normal war. Ein Körper, der nicht mehr so wollte wie ich. Erst leise, dann lauter.

2008 war ich das erste Mal in Reha. Die Diagnose? „Psychosomatisch.“ Wie bei so vielen — zumindest vor Corona. Man sah die Erschöpfung, aber nicht die Krankheit dahinter.

Als es mir etwas besser ging, arbeitete ich über eine Zeitarbeitsfirma wieder. Erst 15 Stunden, dann Vollzeit. Und es war richtig cool. Ich habe Regale geschweißt, Qualitätskontrollen bei PKW‑Zulieferern gemacht und vieles mehr. Ich fühlte mich stark, gebraucht, lebendig.

Bis ich in einer Firma hängen blieb, die Akkus für E‑Bikes herstellte. Ich hatte das Gefühl, fürs Basteln bezahlt zu werden: löten, schweißen, montieren — ich liebte es. Es war ein Job, der sich nicht wie Arbeit anfühlte.

Und dann kam 2013. Pfeifferisches Drüsenfieber. Und ME/CFS traf mich mit voller Kraft — ohne Vorwarnung, ohne Gnade.

Von da an ging es nicht mehr bergauf. Nur noch bergab. Und am Ende stand die volle Erwerbsunfähigkeitsrente. Erst befristet, seit 2017 unbefristet.

Ein Berufsleben, das reich war an Arbeit, an Kreativität, an Verantwortung, an Mut. Und ein Ende, das ich mir nie ausgesucht habe.

Aber es ist meine Geschichte. Und sie zeigt eines ganz deutlich: Ich war immer jemand, der gearbeitet hat, der gekämpft hat, der sich weitergebildet hat, der Lösungen gefunden hat, wo andere Probleme sahen. ME/CFS hat mir nicht die Motivation genommen — nur die Kraft.

Und manchmal ist das der größte Verlust von allen.

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