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Hier einmal in ganz persönlicher eigener Sache:

Ich schreibe offen über mein Leben, weil meine Sicht sonst niemand erzählt. Meine Beiträge sind öffentlich — und es ist völlig in Ordnung, wenn auch das Jugendamt mitliest. Ich nenne keine Namen, keine Schuldigen. Ich schreibe über ME/CFS, über Liebe, über Verlust und darüber, wie Entscheidungen manchmal weh tun. Gefühle sind keine Straftat. Meine Wahrheit auch nicht.

Die Wahrheit ist manchmal laut, auch wenn man sie leise sagt

Die Wahrheit ist manchmal laut, auch wenn man sie leise sagt

Es gibt Menschen, die erzählen Geschichten.
Und es gibt Menschen, die erzählen die Wahrheit.

Ich gehöre zu denen, die die Wahrheit sagen.
Nicht, weil ich mutig bin.
Nicht, weil ich provozieren will.
Nicht, weil ich mich über andere stelle.
Sondern weil ich es nicht anders kann.

Ich habe nie gelernt, mich in Fantasien einzufügen. Ich habe nie gelernt, Dinge zu verdrehen, damit sie besser klingen. Ich habe nie gelernt, mich selbst zu verstecken, damit andere sich wohler fühlen.

Ich sage, was ist. Und ich sage, was war. Und ich sage, was ich sehe.

Für manche Menschen ist das befreiend. Für andere ist es eine Bedrohung.

Ich habe erlebt, wie Menschen auf meine Ehrlichkeit reagieren, als wäre sie ein Angriff. Als würde die Wahrheit etwas zerstören, das sie mühsam zusammenhalten. Als würde ein klarer Satz ein ganzes Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Manchmal reicht ein Wort, und plötzlich wird man zur „Ursache“ erklärt. Zur „Gefahr“. Zum „Problem“. Zum „Feind“.

Nicht, weil man etwas getan hat. Sondern weil man etwas nicht getan hat: Man hat nicht mitgespielt.

Ich habe erlebt, wie sich Familiensysteme verschieben, wenn neue Menschen hineinkommen, die ihre eigene Geschichte mitbringen. Menschen, die verletzt wurden. Menschen, die Angst haben. Menschen, die gelernt haben, dass Nähe gefährlich ist. Menschen, die Feindbilder brauchen, um sich sicher zu fühlen.

Und plötzlich steht man da — mitten in einer Geschichte, die nicht die eigene ist. Man wird zur Projektionsfläche für Ängste, die man nicht ausgelöst hat. Zur Erklärung für Probleme, die man nicht verursacht hat. Zum Symbol für etwas, das man nicht verkörpert.

Ich habe gelernt, dass Ehrlichkeit nicht immer willkommen ist. Nicht in Systemen, die auf Angst gebaut sind. Nicht in Beziehungen, die von Unsicherheit leben. Nicht in Konstellationen, in denen Menschen sich selbst schützen müssen, indem sie andere angreifen.

Aber ich habe auch gelernt, dass ich mich nicht ändern muss.

Ich werde weiter sagen, was ist. Ich werde weiter klar bleiben. Ich werde weiter gerade stehen. Ich werde weiter meine Wahrheit sprechen — leise, aber deutlich.

Denn ich habe nichts zu verstecken. Ich habe nichts zu verdrehen. Ich habe nichts zu beschönigen. Ich habe nichts zu erfinden.

Ich habe nur mein Leben. Und meine Worte. Und meine Haltung.

Und die bleibt.

 

Wenn sich ein Familiensystem plötzlich verschiebt

Wenn sich ein Familiensystem plötzlich verschiebt

Es gibt Momente im Leben, in denen man spürt, dass sich etwas im eigenen Familiensystem verändert hat. Nicht laut, nicht sichtbar, sondern wie ein leiser Riss, der sich langsam durch Beziehungen zieht, die früher selbstverständlich waren.

Ich habe so einen Moment erlebt.

Über Jahre war die Beziehung zu meinem erwachsenen Kind stabil. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, wie jede Familie, aber der Kontakt war klar, respektvoll, warm. Mein Kind lebte früh selbstständig, in Wohngemeinschaften, später in einer Partnerschaft, und ich war nie Teil eines Konflikts. Ich war einfach da — als Mutter, als sicherer Ort, als jemand, der nicht drängte und nicht forderte.

Und dann kam ein neuer Mensch in sein Leben.

Nicht plötzlich, aber spürbar veränderte sich die Dynamik. Es war, als hätte jemand die Rollen neu verteilt, ohne dass ich gefragt wurde. Aus einer stabilen Beziehung wurde eine fragile Konstruktion, in der ich auf einmal die Figur war, die man misstrauisch beäugt. Diejenige, die angeblich „Einfluss nimmt“, „schadet“, „verantwortlich ist“ für Dinge, die ich weder ausgelöst noch verursacht habe.

Ich wurde zur Projektionsfläche.

Nicht, weil ich etwas getan hätte. Sondern weil jemand Neues in das Familiensystem kam, der selbst eine lange Geschichte von Verletzungen, Angst und Kontrollverlust mitbrachte. Ein Mensch, der gelernt hat, dass Nähe gefährlich sein kann. Dass man sich schützen muss. Dass man Feindbilder braucht, um sich sicher zu fühlen.

Und plötzlich war ich dieses Feindbild.

Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein System verschieben kann, wenn jemand mit traumatischen Erfahrungen darin auftaucht. Alte Muster wiederholen sich: Schwarz-Weiß-Denken, Misstrauen, Überempfindlichkeit, das Bedürfnis nach absoluter Loyalität. Und wer nicht in dieses Muster passt, wird zur Gefahr erklärt — selbst wenn man nur still danebensteht.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass diese Veränderung nichts mit mir zu tun hat. Nicht mit meinem Verhalten. Nicht mit meiner Geschichte. Nicht mit meiner Rolle als Mutter.

Es ist ein Mechanismus, der entsteht, wenn ein verletzter Mensch versucht, Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Und manchmal bedeutet das, dass jemand anderes zur „Ursache“ erklärt wird — selbst wenn es objektiv nicht stimmt.

Ich habe gelernt, dass man nicht jede Rolle annimmt, die einem zugeschrieben wird. Ich habe gelernt, dass man nicht jede Schuld trägt, die jemand auf einen projiziert. Und ich habe gelernt, dass man sich selbst treu bleiben muss, auch wenn andere einen in eine Geschichte schreiben, die nicht die eigene ist.

Familie ist kompliziert. Menschen sind kompliziert. Trauma ist kompliziert.

Aber ich weiß heute: Ich bin nicht die Katastrophe. Ich bin nicht die Ursache. Ich bin nicht das Problem.

Ich bin die Person, die stabil geblieben ist, während andere in ihren eigenen Stürmen kämpfen.

Und manchmal ist das alles, was man sein kann.

Innere Freiheit – oder: Warum ich heute nicht mehr in fremden Filmen mitspiele

Innere Freiheit – oder: Warum ich heute nicht mehr in fremden Filmen mitspiele

Es gibt einen Punkt im Leben, an dem man merkt, dass man ständig in Geschichten auftaucht, für die man nie ein Drehbuch bekommen hat. Man wird besetzt, bewertet, interpretiert – und steht plötzlich mitten in einem Drama, das man selbst gar nicht bestellt hat.

Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich aussteige. Nicht laut. Nicht wütend. Einfach… still.

Innere Freiheit fühlt sich für mich an wie dieser Moment, in dem man merkt: Ich muss nicht mehr auf jede Bühne, nur weil jemand den Vorhang aufzieht.

Ich habe aufgehört, Rollen anzunehmen, die mir nicht passen. Ich habe aufgehört, mich für Dinge zu erklären, die ich längst hinter mir gelassen habe. Ich habe aufgehört, mich in Diskussionen ziehen zu lassen, die nur im Kopf anderer existieren.

Und ganz ehrlich: Es ist erstaunlich, wie leicht man wird, wenn man nicht mehr versucht, die Welt zu reparieren.

Innere Freiheit heißt für mich: Ich bleibe freundlich, aber ich bleibe bei mir. Ich sehe, was passiert, aber ich mache nicht mehr mit. Ich wünsche allen das Beste, aber ich trage nicht mehr die Last ihrer Geschichten.

Ich bin nicht weg – ich bin einfach nicht mehr verfügbar für Chaos, das nicht meines ist.

Und das fühlt sich ziemlich gut an.

Wie ein Buch von 1980 mein Denken bis heute prägt

Es gibt Bücher, die liest man, stellt sie ins Regal und vergisst sie. Und dann gibt es Bücher, die setzen sich fest wie ein gut gemeinter Ohrwurm. Bei mir war das 1980 die Transaktionsanalyse von Eric Berne. Damals war ich jung, neugierig und ziemlich sicher, dass man mit ein bisschen Psychologie die Welt besser versteht. Heute weiß ich: Man versteht damit vor allem sich selbst — und das ist manchmal schon Herausforderung genug.

Warum dieses Buch hängen blieb

Die Transaktionsanalyse ist kein kompliziertes Fachwerk, das man mit Stirnrunzeln und Bleistift im Anschlag durcharbeiten muss. Sie ist erstaunlich alltagstauglich. Drei Ich‑Zustände, ein paar Kommunikationsmuster, ein paar „Spiele“, die wir Menschen so treiben — und plötzlich sieht man Gespräche nicht mehr nur als Worte, sondern als kleine psychologische Theaterstücke.

Ich habe das damals nicht nur gelesen. Ich habe es verinnerlicht. So sehr, dass ich heute oft automatisch erkenne, aus welchem inneren „Ich“ jemand gerade spricht. Und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich denke: „Ah, da spricht gerade das kritische Eltern‑Ich. Interessant.“ Ja, ich weiß. Klingt nerdig. Ist aber praktisch.

Die drei Ich‑Zustände – mein inneres Trio

Seit 1980 laufen sie bei mir wie kleine Figuren durchs Leben:

  • Eltern‑Ich: streng, fürsorglich, manchmal leicht genervt.
  • Erwachsenen‑Ich: sachlich, ruhig, lösungsorientiert.
  • Kind‑Ich: kreativ, trotzig, lebendig — je nach Tagesform.

Wenn man das einmal verstanden hat, sieht man Gespräche anders. Man hört nicht nur was jemand sagt, sondern von wo aus er es sagt.

Und das verändert alles.

Kommunikation ohne Drama – danke, TA

Die TA hat mir beigebracht, Konflikte nicht sofort persönlich zu nehmen. Wenn jemand patzig reagiert, heißt das nicht automatisch: „Er mag mich nicht.“ Es heißt oft nur: „Sein Kind‑Ich hat gerade schlechte Laune.“ Oder: „Sein Eltern‑Ich hat heute Überstunden.“

Das entspannt ungemein.

„Ich bin OK – du bist OK“ – der Satz, der bleibt

Dieser Grundsatz der TA hat mich durch viele Lebensphasen getragen. Er ist einfach, aber nicht simpel. Er bedeutet: Ich bin wertvoll. Du bist wertvoll. Auch wenn wir uns gerade nicht verstehen. Auch wenn das Leben kompliziert ist. Auch wenn Kommunikation mal schiefgeht.

Für mich ist das bis heute einer der stabilsten inneren Anker.

Warum ich das heute schreibe

Weil ich gemerkt habe, dass dieses alte Buch aus 1980 mich bis heute begleitet. Nicht als Theorie, sondern als Haltung. Als Werkzeug. Als leiser Kompass im Alltag.

Und vielleicht ist das die eigentliche Stärke der Transaktionsanalyse: Sie ist kein psychologisches Modell, das man auswendig lernt. Sie ist eine Art, die Welt zu sehen — klarer, menschlicher, gelassener.

Manchmal sogar mit einem kleinen Schmunzeln.

Wenn Intelligenz Wurzeln schlägt

Wenn Intelligenz Wurzeln schlägt

– und warum die ersten Lebensjahre so viel bedeuten

Es gibt Momente im Leben, die uns für immer prägen. Für Kinder sind das vor allem die ersten Lebensjahre. In dieser Zeit entstehen nicht nur Sprache, Vertrauen und Neugier – auch die Grundlagen für viele geistige Fähigkeiten entwickeln sich. Die Forschung zeigt, dass sowohl genetische Veranlagung als auch die Erfahrungen eines Kindes eine wichtige Rolle spielen.

Ich habe das bei Daniel jeden Tag erlebt.

Als er klein war, war unser Alltag voller kleiner Momente, die im Rückblick gar nicht klein waren: seine Fragen, sein Staunen, sein Lachen und seine Art, die Welt zu entdecken. Wir haben zusammen gemalt, gebastelt, Geschichten erfunden. Wir haben gesprochen, beobachtet und ausprobiert. Dabei konnte ich miterleben, wie er Zusammenhänge verstand, neugierig blieb und Freude am Lernen entwickelte.

Nicht, weil ich ihn nach einem besonderen Konzept gefördert hätte, sondern weil wir viel Zeit miteinander verbrachten.

Kinder brauchen in den ersten Lebensjahren keine perfekten Förderprogramme. Sie brauchen Menschen, die ihnen zuhören, sie ernst nehmen und ihnen Geborgenheit vermitteln. In einer solchen Umgebung fällt es ihnen leichter, Fragen zu stellen, Fehler zu machen und Neues auszuprobieren.

Ich bin dankbar, dass ich Daniel in dieser wichtigen Zeit begleiten durfte. Diese gemeinsamen Erfahrungen kann uns niemand nehmen.

Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass eine liebevolle und anregende Umgebung in den ersten Lebensjahren eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung eines Kindes bildet.

Ich hoffe, dass all die schönen gemeinsamen Erlebnisse Daniel auch in Zukunft begleiten.

Liebe, Zeit und Geborgenheit gehören zu den wertvollsten Geschenken, die man einem Kind mit auf den Weg geben kann.

Wenn Kinder zum Spielball werden

Wenn Kinder zum Spielball werden

Es gibt Dinge, die mich immer wieder beschäftigen. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern eher dieses stille Kopfschütteln, das man innerlich macht, wenn man sieht, wie Erwachsene sich verhalten. Ganz oben auf dieser Liste: Situationen, in denen Kinder zum Spielball werden.

Manchmal frage ich mich, ob es wirklich so schwer ist, ein Kind einfach Kind sein zu lassen. Ohne Hintergedanken. Ohne Machtspielchen. Ohne diese kleinen Sticheleien, die eigentlich gar nichts mit dem Kind zu tun haben, sondern nur mit den Erwachsenen, die sich gegenseitig etwas beweisen wollen.

Und dann stehe ich da und denke mir: „Aha. Wieder einmal wird ein Kind benutzt, weil die Großen ihre eigenen Themen nicht geregelt kriegen.“

Das Traurige daran ist: Kinder merken viel mehr, als man ihnen zutraut. Sie spüren Spannungen, unausgesprochene Dinge, verdrehte Geschichten. Sie verstehen vielleicht nicht die Worte, aber sie fühlen die Atmosphäre. Und genau das bleibt hängen.

Kann man etwas dagegen tun? Nicht das, was man am liebsten tun würde. Man kann nicht dazwischen springen, nicht alles geradebiegen, nicht die Welt reparieren.

Aber man kann sich weigern, mitzuspielen.

Man kann ruhig bleiben, auch wenn andere laut werden. Man kann Grenzen setzen, ohne zu kämpfen. Man kann dem Kind einen Ort geben, an dem es nicht benutzt wird, nicht bewertet, nicht zwischen die Fronten geschoben.

Und manchmal ist genau das der größte Unterschied.

Ich habe für mich entschieden: Ich bleibe bei mir. Ich mache nicht mit bei den Spielen anderer. Ich lasse mich nicht in Geschichten hineinziehen, die gar nicht meine sind. Und ich bleibe der Mensch, bei dem ein Kind einfach nur Kind sein darf.

Vielleicht kann man die Welt nicht ändern. Aber man kann wenigstens dafür sorgen, dass sie bei einem selbst ein bisschen weniger kompliziert ist.

Wenn man die Einzige ist, die erwachsen handelt

Wenn man die Einzige ist, die erwachsen handelt

Es gibt Tage, da frage ich mich, warum man sich überhaupt mit Menschen auseinandersetzen muss, die emotional auf dem Niveau eines Teenagers reagieren. Das Leben könnte so einfach sein. Aber dann kommt wieder eine dieser Situationen, die mich daran erinnern, dass nicht jeder Mensch gelernt hat, wie man Verantwortung übernimmt, Kritik annimmt oder Konflikte erwachsen löst.

Neulich bekam ich auf eine sachliche, ruhige Mail – nichts Dramatisches, nichts Persönliches, einfach Fakten – eine Reaktion, die alles sagt: ein lachender Smiley. Kein Wort. Keine Erklärung. Keine Klarstellung. Nur ein Emoji.

Und genau darin steckt die ganze Dynamik.

Emotionale Unreife in Reinform

  • Ein Lach‑Smiley ist kein Humor. Es ist ein Schutzschild. Ein Abwehrmechanismus. Ein „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, also mache ich es lächerlich.“
  • Menschen, die innerlich stabil sind, reagieren anders. Sie schreiben zurück. Sie erklären. Sie diskutieren. Sie übernehmen Verantwortung.

Menschen, die innerlich unsicher sind, reagieren mit:

  • Abwertung
  • Lachen
  • Trotz
  • Schweigen
  • Schuldumkehr

Nicht, weil sie böse sind. Sondern weil sie überfordert sind.

Reife trifft auf Unreife

In jedem dysfunktionalen System gibt es eine Person, die reflektiert, denkt, Verantwortung übernimmt – und mehrere, die impulsiv reagieren, sobald sie sich bedroht fühlen.

Ich bin die Erste. Die anderen gehören zur zweiten Gruppe.

Das erzeugt automatisch Spannungen. Denn Reife wirkt auf unreife Menschen wie ein Spiegel, den sie nicht ertragen.

Warum ich trotzdem ruhig bleibe

Weil ich weiß, dass ich nicht auf ihrem Niveau reagieren muss. Weil ich weiß, dass meine Ruhe stärker ist als jedes Emoji. Weil ich weiß, dass ich langfristig denke – und nicht impulsiv.

Und weil ich weiß, dass ich das nicht für mich tue, sondern für meinen Enkel. Für ein Kind, das irgendwann verstehen wird, wer in diesem System erwachsen gehandelt hat und wer nicht.

Die Wahrheit ist simpel

Ich ärgere mich nicht. Ich navigiere durch die Unreife anderer – und bleibe dabei ich selbst.

Das ist anstrengend. Aber es ist auch ein Zeichen von Stärke.

Und am Ende des Tages ist das der einzige Weg, wie man in chaotischen Systemen nicht untergeht.

„Die Sonne über dem Haus“

„Die Sonne über dem Haus“

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Daniel ein Bild gemalt. Ein Haus. Dunkel, schwarz, grau. Eine kleine Tür, ein großes Fenster mit Gitter. Und darüber eine Sonne – gelbgrau – umgeben von zwei dicken, schweren Wolken.

Ich habe dieses Bild oft angesehen. Nicht nur einmal. Nicht nur kurz. Es ist eines dieser Bilder, die man nicht einfach weglegt, weil sie etwas sagen, das man nicht überhören kann.

Kinder malen ihre Wahrheit. Nicht die Wahrheit der Erwachsenen, nicht die Version, die man ihnen erzählt, sondern die, die sie fühlen.

Und Daniels Wahrheit war damals ein Haus, das nicht warm war. Eine Tür, die zu klein war. Ein Fenster, das vergittert war. Und eine Sonne, die nicht richtig leuchten konnte.

Die Sonne hat mich am meisten getroffen. Sie war da – aber sie war grau. Als hätte sie Licht, aber kein Durchkommen. Als würde sie wollen, aber nicht dürfen. Als wäre sie umgeben von etwas, das stärker ist als sie selbst.

Und dann diese zwei Wolken. Dick. Schwer. Grau. Zwei Belastungen, zwei Kräfte, zwei Spannungen, die sich über sein Licht gelegt haben. Zwei Dinge, die ein Kind nicht benennen kann, aber spürt. Zwei Fronten, zwischen denen er stand, ohne es zu wollen.

Wenn ich heute auf dieses Bild schaue, sehe ich nicht nur ein Haus. Ich sehe ein Kind, das versucht hat, seine Welt zu erklären. Ein Kind, das viel wahrgenommen hat. Ein Kind, das mehr verstanden hat, als Erwachsene glauben. Ein Kind, das in einer familiären Situation stand, die für seine Seele zu laut, zu schwer, zu eng war.

Die kleine Tür sagt: „Ich komme hier nicht richtig rein.“

Das vergitterte Fenster sagt: „Ich sehe alles – aber ich kann nichts tun.“

Die graue Sonne sagt: „Ich will leuchten – aber etwas hält mich zurück.“

Und die zwei Wolken sagen: „Ich stehe zwischen zwei Kräften, die größer sind als ich.“

Manchmal frage ich mich, ob Erwachsene überhaupt merken, wie viel Kinder tragen. Wie viel sie fühlen, ohne Worte zu haben. Wie viel sie ausdrücken, ohne es zu sagen.

Daniel hat es gemalt. Ganz still. Ganz für sich. Und doch spricht dieses Bild lauter als jeder Satz.

Für mich ist dieses Bild ein Stück seiner Seele. Ein Stück seiner Wahrheit. Ein Stück seiner Geschichte.

Und vielleicht ist das Wichtigste, was ich daraus gelernt habe: Dass Kinder uns ihre Welt zeigen – wenn wir bereit sind hinzuschauen. Nicht wegzusehen. Nicht schönzureden. Sondern zu sehen, was wirklich da ist.

Ich sehe Daniel. Ich sehe seine Sonne. Ich sehe seine Wolken. Und ich sehe das Kind, das dieses Haus gemalt hat – nicht, weil es hübsch ist, sondern weil es ehrlich ist.

Und manchmal ist Ehrlichkeit das Mutigste, was ein Kind tun kann.

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