meine Enkel

„Die Sonne über dem Haus“

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Daniel ein Bild gemalt. Ein Haus. Dunkel, schwarz, grau. Eine kleine Tür, ein großes Fenster mit Gitter. Und darüber eine Sonne – gelbgrau – umgeben von zwei dicken, schweren Wolken.

Ich habe dieses Bild oft angesehen. Nicht nur einmal. Nicht nur kurz. Es ist eines dieser Bilder, die man nicht einfach weglegt, weil sie etwas sagen, das man nicht überhören kann.

Kinder malen ihre Wahrheit. Nicht die Wahrheit der Erwachsenen, nicht die Version, die man ihnen erzählt, sondern die, die sie fühlen.

Und Daniels Wahrheit war damals ein Haus, das nicht warm war. Eine Tür, die zu klein war. Ein Fenster, das vergittert war. Und eine Sonne, die nicht richtig leuchten konnte.

Die Sonne hat mich am meisten getroffen. Sie war da – aber sie war grau. Als hätte sie Licht, aber kein Durchkommen. Als würde sie wollen, aber nicht dürfen. Als wäre sie umgeben von etwas, das stärker ist als sie selbst.

Und dann diese zwei Wolken. Dick. Schwer. Grau. Zwei Belastungen, zwei Kräfte, zwei Spannungen, die sich über sein Licht gelegt haben. Zwei Dinge, die ein Kind nicht benennen kann, aber spürt. Zwei Fronten, zwischen denen er stand, ohne es zu wollen.

Wenn ich heute auf dieses Bild schaue, sehe ich nicht nur ein Haus. Ich sehe ein Kind, das versucht hat, seine Welt zu erklären. Ein Kind, das viel wahrgenommen hat. Ein Kind, das mehr verstanden hat, als Erwachsene glauben. Ein Kind, das in einer familiären Situation stand, die für seine Seele zu laut, zu schwer, zu eng war.

Die kleine Tür sagt: „Ich komme hier nicht richtig rein.“

Das vergitterte Fenster sagt: „Ich sehe alles – aber ich kann nichts tun.“

Die graue Sonne sagt: „Ich will leuchten – aber etwas hält mich zurück.“

Und die zwei Wolken sagen: „Ich stehe zwischen zwei Kräften, die größer sind als ich.“

Manchmal frage ich mich, ob Erwachsene überhaupt merken, wie viel Kinder tragen. Wie viel sie fühlen, ohne Worte zu haben. Wie viel sie ausdrücken, ohne es zu sagen.

Daniel hat es gemalt. Ganz still. Ganz für sich. Und doch spricht dieses Bild lauter als jeder Satz.

Für mich ist dieses Bild ein Stück seiner Seele. Ein Stück seiner Wahrheit. Ein Stück seiner Geschichte.

Und vielleicht ist das Wichtigste, was ich daraus gelernt habe: Dass Kinder uns ihre Welt zeigen – wenn wir bereit sind hinzuschauen. Nicht wegzusehen. Nicht schönzureden. Sondern zu sehen, was wirklich da ist.

Ich sehe Daniel. Ich sehe seine Sonne. Ich sehe seine Wolken. Und ich sehe das Kind, das dieses Haus gemalt hat – nicht, weil es hübsch ist, sondern weil es ehrlich ist.

Und manchmal ist Ehrlichkeit das Mutigste, was ein Kind tun kann.

Zwei Tage Europapark

Achterbahn‑Junkies, Regenponchos, VIP‑Rollstuhl und ein mega leckeres Frühstücksbuffet

Es waren nicht einfach nur zwei Tage Europapark.
Es waren die ersten drei Tage, die ich seit Jahren, allein mit Mara unterwegs war.
Ein kleines Abenteuer, das sich größer anfühlte, als ich es vorher geahnt hätte – und das uns beiden etwas geschenkt hat, das bleibt.

Mara hat eine wunderbar ruhige und ausgeglichene Art.
Sie ist ein Kind, das nicht drängt, nicht fordert, sondern mit einer natürlichen Gelassenheit durch den Tag geht.
Und genau diese Ruhe hat unsere gemeinsame Zeit zu etwas ganz Besonderem gemacht.


Tag 1 – Die Anreise, die Expeditionstruppe und ein Flammkuchen als Finale

Der Europapark liegt für uns knapp 2½ Stunden entfernt – eine Strecke, die lang genug ist, um unterwegs mindestens einmal zu überlegen, ob man wirklich alles eingepackt hat.
Aber wir waren voller Vorfreude: Heike, Jörg, Amelie, Mara und ich – eine bunte, liebevolle Truppe, bereit für zwei Tage voller Leben.

Der Park begrüßte uns mit Sonne, guter Laune und einem Nieselregen, der sich nicht entscheiden konnte, ob er bleiben oder verschwinden will.
Aber das störte uns nicht.
Wir sind Achterbahn‑Junkies.
Uns hält nichts auf.

Wir lachten, liefen, ließen uns treiben – und manchmal verliefen wir uns auch.
Amelie beobachtete alles mit ihrer ruhigen Art.
Heike und Jörg strahlten diese entspannte Gelassenheit aus, die man nur hat, wenn man weiß, dass man in guter Gesellschaft ist.
Und Mara?
Sie war im „Ich-fahre-alles“-Modus – aber gleichzeitig so ausgeglichen, so klar, so bei sich.
Ein Kind, das Abenteuer liebt, ohne hektisch zu werden.

Kurz bevor wir ins Hotel fuhren, gönnten Mara und ich uns einen Flammkuchen – warm, knusprig, und nach einem Tag voller Achterbahnen einfach himmlisch.


Der Abend im Hotel – und Mara hat noch lange nicht genug

Während ich mich schon auf die Dusche und das Bett freute, hatte Mara noch Energie.
Also ging sie mit Heike und Amelie in den Hotelpool.

Ich dagegen sank ins Bett und war kurz davor, mit dem Kopfkissen zu verschmelzen.

Am nächsten Morgen dann das Highlight:
Das Frühstücksbuffet.
Ein kleines Paradies aus frischem Brot, Obst, warmen Speisen und allem, was das Herz begehrt.
Ein Moment, in dem man einfach nur sitzt, genießt und spürt:
Wir sind zusammen. Und das tut gut.


Tag 2 – Nur Mara und ich… und der Rollstuhl, der plötzlich zum VIP‑Pass wurde

Der zweite Tag begann anders.
Mein Körper machte unmissverständlich klar:
„Heute geht’s nur mit Hilfe.“

Also lieh ich mir einen Rollstuhl aus.
Nicht als Rückschlag – sondern als Möglichkeit, diesen Tag trotzdem mit Mara zu erleben.
Und vielleicht gerade deshalb wurde dieser Tag so besonders.

Denn plötzlich waren wir ein Team auf Rädern.
Ich war Petra, die Chauffierte, ausgestattet mit einem Behindertenausweis, der uns in eine völlig neue Dimension des Freizeitpark‑Erlebens katapultierte.

Wir mussten an keiner Achterbahn mehr anstehen.
Null.
Gar nicht.
Wir konnten einfach direkt einsteigen.

Für zwei Achterbahn‑Junkies wie uns fühlte sich das an wie ein geheimer Premium‑Modus, den nur wir kannten.

Natürlich kauften wir uns auch Regenponchos – diese modischen Plastikzelte, in denen man aussieht wie ein wandelnder Müllbeutel.
Aber sie erfüllten ihren Zweck.

Bis 16 Uhr hielt das Wetter durch.
Dann kam der Regen.
Nicht irgendein Regen.
Sondern der Regen, der sagt:
„So, jetzt reicht’s. Abbruch.“

Innerhalb von Sekunden waren wir durchnässt.
Der Rollstuhl auch.
Ich sowieso.
Aber wir lachten.
Weil es so absurd war, dass es schon wieder schön war.

Und Mara?
Sie blieb ruhig.
Gelassen.
So wie sie ist.
Ein Kind, das selbst im Chaos die Balance hält.


Der Rückzug aus dem Park – und die Rettung naht

Um kurz nach 16 Uhr standen wir am Ausgang – pitschnass, aber glücklich.
Und da kamen sie: Heike und Jörg.
Ruhig, verlässlich, wie zwei Rettungsanker auf vier Rädern.

Sie sammelten uns ein, luden zwei völlig durchweichte Achterbahn‑Junkies ins Auto und brachten uns zurück ins Hotel.


Erstmal auftauen – Badewannen‑Edition

Ich war so durchgefroren, dass ich direkt in die Badewanne stieg.
Und selten hat warmes Wasser so gut getan – nicht nur meinem Körper, sondern auch meiner Seele.


Der Abend – Kentucky Fried Chicken als Happy End

Gegen 18 Uhr fuhren wir alle zusammen zu Kentucky Fried Chicken.
Warm.
Knusprig.
Fettig.
Genau das Richtige nach einem Tag, an dem wir halb im Regen ertrunken waren.

Wir saßen dort, lachten, erzählten und ließen die letzten zwei Tage langsam in uns sinken.


Fazit: Zwei Tage, die bleiben

Nach zwei Nächten im Hotel, einem Frühstücksbuffet zum Verlieben, zwei Tagen voller Achterbahnen, Regen, Lachen, VIP‑Rollstuhl‑Erlebnissen und einem Badewannen‑Rettungsprogramm fuhren wir wieder nach Hause.

Ich fühlte mich:

  • müde
  • glücklich
  • und mit einem Herzen voller Erinnerungen

Und vielleicht war es genau deshalb so besonders:
Es waren die ersten drei Tage, die ich allein mit Mara seit Jahren verbracht habe.
Drei Tage, die uns nähergebracht haben, als ich es erwartet hätte.
Drei Tage mit einem Kind, das mit seiner ruhigen, ausgeglichenen Art selbst die chaotischsten Momente weich macht.

Tag 1 war laut, bunt und chaotisch.
Tag 2 war ruhiger, intensiver und irgendwie noch schöner – nur ich und Mara, zwei Achterbahn‑Junkies, die sich vom Wetter, vom Körper und von gar nichts aufhalten lassen.

Und ganz ehrlich:
Ich würde es wieder tun.
Vielleicht mit wasserdichten Schuhen.
Und definitiv wieder mit Mara.


„Zwei Fahrräder, zwei Jungs –

und ein Jahr voller verpasster Chancen“

Im Mai 2025 habe ich für Daniel und Jayden ein gebrauchtes Puky‑Rad gekauft. Ein richtig gutes – 20 Zoll, Rücktritt, 3 Gänge, stabil, sicher, perfekt für zwei Siebenjährige, die endlich Fahrradfahren lernen sollten. Ich habe es geputzt, geölt, eingestellt. Es sah aus wie neu. Und ich war stolz, weil ich wusste: Damit schaffen sie es.

Brittany schrieb mir sogar eine SMS und bedankte sich. Das war selten genug, um mir richtig aufzufallen.

Mit Dani ging alles schnell. Zwei Tage. Mehr brauchte er nicht. Ein bisschen Mut, ein bisschen Lachen, ein paar kleine Stürze – und dann fuhr er. Frei. Stolz. Glücklich.

Ich zeigte Brittany genau, wie ich es gemacht habe. Wie man ein Kind hält, wie man loslässt, wie man Vertrauen gibt. Aber sie hörte kaum zu. Sie war körperlich da, aber nicht wirklich anwesend.

Dann brachte Kevin ein zweites Fahrrad für Jayden. Ein 18‑Zoll‑Rad, viel zu klein, völlig verrostet. Als Brittany den Sattel höher stellen wollte, brach die Schraube einfach ab. Das war’s. Das Rad wurde nie repariert. Es stand nur herum – ein Symbol für alles, was man hätte tun können, aber nicht getan hat.

Und Jayden? Er hat es in einem ganzen Jahr nicht gelernt. Nicht, weil er es nicht könnte. Nicht, weil er Angst hätte. Sondern weil niemand mit ihm geübt hat.

Manchmal frage ich mich, wie viele Chancen ein Kind verpasst, nur weil die Erwachsenen um es herum nicht hinschauen.

Schwimmbad mit Dani

Die Autofahrt, die mir das Herz schwer machte

Wir waren auf dem Weg ins Schwimmbad, Dani und ich. Ein ganz normaler Ausflug, dachte ich. Ein bisschen Wasser, ein bisschen Lachen, ein bisschen Zeit nur für uns zwei. Doch noch bevor wir ankamen, hatte Dani mir Dinge erzählt, die mir wie kleine Steine ins Herz fielen.

Er saß hinten im Kindersitz, die Beine baumelten, die Stimme hell und vertraut. Und dann sagte er es einfach so, ohne Drama, ohne zu wissen, was seine Worte in mir auslösen würden:

Dass er manchmal hungrig ins Bett gehen muss. Dass er dann nicht gut schlafen kann, weil sein Bauch weh tut. So sachlich, so selbstverständlich, als wäre das einfach ein Teil seines Alltags.

Ich schluckte. Ich wollte ihn nicht erschrecken, wollte nicht, dass er merkt, wie sehr mich das trifft. Also hörte ich einfach zu. Aber in mir zog sich alles zusammen.

Und dann erzählte er weiter. Ganz beiläufig, als würde er von einem Spiel erzählen:

Dass Papa über rote Ampeln fährt. Aber das sei „nicht schlimm“, sagte er, „weil keine Polizei da war“.

Ein Kind, das versucht, die Welt zu verstehen. Ein Kind, das Regeln kennt — und gleichzeitig lernt, dass manche Menschen sie einfach ignorieren. Ein Kind, das sich anpasst, statt geschützt zu werden.

Ich fuhr weiter, ruhig, so ruhig ich konnte. Doch in mir war ein Sturm. Nicht laut, nicht wütend — eher dieses tiefe, schwere Gefühl, wenn man merkt, dass ein kleiner Mensch Dinge erlebt, die er nicht erleben sollte.

Dani erzählte weiter, fröhlich, unbeschwert. Er wusste nicht, was seine Worte bedeuteten. Aber ich wusste es.

Und in diesem Moment wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass er bei mir reden kann. Dass er sich sicher fühlt. Dass er weiß: Bei mir darf alles gesagt werden. Auch das, was weh tut.

Gemeinsamer Einkauf

26.Juni.2023

Heute war Dani mit mir unterwegs, um für meinen Geburtstag Kuchen zu kaufen. Ein schöner, kleiner Ausflug — dachte ich. So einer, der leicht sein sollte, unbeschwert, ein bisschen Oma‑Enkel‑Zeit.

Doch dann stand er neben mir, mein Dani, und ich sah ihn richtig an.

Sein T‑Shirt war voller Löcher. Nicht kleine, zufällige — sondern so viele, dass es aussah, als hätte es längst ausgetauscht werden müssen. Und an seinen Füßen: dicke Ski‑Socken. Bei dreißig Grad. In Halbschuhen.

Es war dieser Anblick, der mich traf. Nicht laut, nicht dramatisch — eher wie ein Stich, der tief sitzt, weil er etwas zeigt, das man nicht sehen will.

Er selbst war fröhlich, wie immer. Er hüpfte neben mir her, suchte sich Kuchen aus, erzählte mir kleine Geschichten, als wäre alles ganz normal. Und vielleicht ist es für ihn normal. Vielleicht kennt er es nicht anders.

Aber ich stand daneben und spürte dieses Ziehen im Bauch. Dieses Gefühl, wenn man merkt, dass ein Kind nicht so umsorgt wird, wie es sollte. Dass jemand nicht hinschaut. Oder nicht genug.

Ich sagte nichts. Ich wollte ihm den Moment nicht nehmen, wollte nicht, dass er merkt, wie sehr mich das trifft. Also lächelte ich, hörte ihm zu, ließ ihn entscheiden, welchen Kuchen wir nehmen.

Doch innerlich blieb dieses Bild: Ein kleiner Junge, der an einem heißen Sommertag in Ski‑Socken und einem löchrigen T‑Shirt neben mir steht — und der es wert wäre, dass jemand besser auf ihn achtet.

29. Oktober 2021

– Ein Kind, das nur bleiben wollte

Ich war mit meinen Hunden im Garten, als alle aus dem Haus kamen. Danny weinte schon im Treppenhaus. Als er mich sah, rannte er zu mir, umarmte mich und sagte:

„Oma, ich will bei dir bleiben.“

Er malte mit Kreide ein Auto auf den Boden, versuchte sich abzulenken.

Kevin kam und sagte:

„Nein, du kommst sofort mit.“

Danny weinte:

„Oma, ich will bei dir bleiben.“

Ich sagte:

„Dann lass ihn doch hier.“

Kevin:

„Es ist mein Sohn und ich entscheide, was er tut.“

Brittany rief im Hintergrund:

„Petra, lass Danny in Ruhe. Er ist Kevins Sohn.“

Den Rest habe ich gefilmt.

Ein Oktobertag voller Basteln, Fragen und leiser Gefühle

Am 27. Oktober 2021

kam Daniel morgens um halb neun zu mir. Wir starteten ruhig in den Tag: Bügelperlen, ein Fernglas aus Klopapierrollen, Wachsmalkreiden, Wasserfarben. Danach wühlte er begeistert in meiner Faschingskiste und probierte Verkleidungen an. Es war einer dieser Vormittage, an denen Kinderfantasie den ganzen Raum füllt.

Zwischendurch erzählte er, was er von Zuhause mitgebracht hatte – Sätze, die zeigen, wie viel Kinder aufnehmen und wie sehr sie versuchen, die Welt der Erwachsenen zu sortieren. Ich hörte einfach zu, ohne zu werten.

Später gingen wir mit den Hunden auf die Wiese und fuhren zusammen einkaufen. Bei Penny suchte er sich eine Brezel aus. Er hielt sie die ganze Zeit in der Hand, traute sich aber nicht abzubeißen. Erst als ich sagte, dass er sie natürlich essen darf und ich sie später bezahle, entspannte er sich. In solchen Momenten fällt mir immer wieder auf, wie oft er fragt: „Darf ich das?“ — ein Satz, der viel über seine innere Vorsicht erzählt.

Wir besuchten auch seine Uroma. Er spielte mit Legosteinen, ganz versunken, bis er plötzlich innehielt und sagte: „Ich bin traurig.“ Kinder sagen solche Sätze ohne große Erklärung — und genau deshalb hört man sie so deutlich.

Ein paar Tage vorher waren Kevin, Jayden und Daniel im Garten gewesen. Daniel rief wie so oft: „Oma, kommst du in den Garten?“ Also ging ich mit den Hunden raus. Kaum war ich da, fragte er: „Darf ich runter zu dir kommen und Müsli essen?“ Bevor ich antworten konnte, kam von seinem Vater: „Wer sein Mittagessen nicht gegessen hat, hat auch keinen Hunger. Du gehst nicht zu Oma.“ Ich sagte nichts. Manchmal ist Schweigen die einzige Möglichkeit, die Situation nicht noch schwerer zu machen.

Diese kleinen Szenen zeigen, wie viel in einem Kind vorgeht — Freude, Unsicherheit, Mut, Rückzug, Neugier. Und wie wichtig es ist, Räume zu haben, in denen sie einfach sein dürfen.

19. Oktober 2021

19. Oktober – Ein unerwartetes „Ja“

Manchmal verändert ein einziges Wort den ganzen Tag. An diesem 19. Oktober war es ein schlichtes, überraschendes „Ja“.

Danny kam strahlend zu mir, mit seinem kleinen Rucksack und dieser Vorfreude, die Kinder so unverstellt zeigen können. Mara war in den Ferien ebenfalls bei mir, und die beiden spielten, als hätten sie nie etwas anderes getan. Es fühlte sich leicht an, vertraut, fast wie früher.

Am Nachmittag waren wir alle zusammen bei Oma Gisela im Garten. Die Hunde liefen herum, die Kinder lachten, wir redeten. Für einen Moment war da Frieden. Ein Stück Normalität, das sich warm anfühlte.

Der nächste Morgen begann früh. Es gab Müsli mit Joghurt – so, wie Danny es liebt. Wir bauten mit Lego, bastelten, malten. Es war einer dieser Tage, die sich still ins Herz legen, ohne großes Aufsehen.

Dann kam Kevins Nachricht: „Ich bin einkaufen, hole den Dani dann zum Mittagessen.“ Für einen Augenblick dachte ich, vielleicht beruhigt sich alles. Vielleicht findet sich ein Weg zurück zu einem normalen Miteinander.

Doch es war nur eine kurze Pause, bevor der nächste Konflikt auftauchte.

Der Streit, der aus dem Nichts kam

Plötzlich tauchten Nachrichten auf wie: „Matratze??“ „Da schlafen die Kinder drauf.“ „Absprachen, wann Daniel runterkommt, werden mit mir ausgemacht, nicht mit Daniel.“

Es war einer dieser Momente, in denen sich vieles der letzten Monate aufgestaut hatte. Nicht wegen einer Matratze – sondern wegen all der kleinen Machtkämpfe, die sich immer wieder zwischen die Kinder und ihre Leichtigkeit schoben.

Ich schrieb klar und ohne Umschweife: „Die gehören mir und kommen auch wieder runter. Punkt. Und such dir bitte eine eigene Autoversicherung. Mir reicht es mit dir.“

Und später, noch deutlicher: „Machtspielchen auf dem Rücken kleiner Kinder auszutragen… ganz großes Kino. Ich hätte dir mehr emotionale Intelligenz zugetraut. Aber für so ein Theater bin ich die Falsche.“

Seine Antwort war lang und wütend. Ich habe nicht mehr reagiert. Manchmal ist Schweigen kein Rückzug, sondern Selbstschutz.

6.Oktober 2021

Ein Monat zwischen Hoffnung und Zerbrechen

Der Oktober begann mit etwas ganz Kleinem. Etwas Alltäglichem. Etwas, das in einer normalen Familie kein Problem wäre.

Am 6. Oktober schrieb ich meinem Sohn:

Hi Kevin, könntest du mir bitte die 80er Matratze wieder runterbringen? Die 140er ist komplett durch – die Federn kommen schon durch. Darauf kann ich nicht mehr schlafen. Danke.“

Eine einfache Bitte. Und doch fühlte sich selbst so etwas damals schon schwer an, als würde jedes Wort durch ein Minenfeld laufen.

Ein Kind, das immer wieder „Nein“ hört

Immer wieder sah mich Danny im Garten und fragte, ob er zu mir kommen dürfe. Immer wieder sagte sein Vater „Nein“. Und jedes Mal tat es weh – nicht nur mir, sondern auch ihm. Man sah es in seinen Augen, in seinem kleinen Körper, der kurz zusammensackte, bevor er sich wieder fing.

September 2021

Was gerade in unserem Familienalltag passiert
– aus der Sicht eines Kindes

In den letzten Monaten habe ich viel beobachtet. Nicht an mir selbst, sondern an meinem Enkel. Kinder zeigen oft deutlicher als Erwachsene, wenn etwas in ihrem kleinen Universum aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und genau das bewegt mich.

Wenn ein Kind fragt, bevor es atmet

Danny fragt mich oft, ob er zu mir darf. Nicht fordernd, nicht trotzig – sondern leise, vorsichtig, fast so, als müsste er vorher prüfen, ob die Frage überhaupt erlaubt ist.

Dass sein Papa diesen Wunsch manchmal unterbindet, versteht er nicht. Er versucht nur, die Welt so zu sortieren, wie sie sich für ihn anfühlt: Wer darf was? Wer sagt ja? Wer sagt nein?

Für ein Kind ist das eine große Aufgabe.

Die Unsicherheit, die er spürt

Ich weiß nicht, warum seine Mama ihre beiden älteren Kinder damals nicht behalten durfte. Aber ich weiß, dass Danny spürt, wenn Erwachsene angespannt sind. Er spürt, wenn Türen zugehen. Er spürt, wenn Kontakt abbricht.

Kinder müssen nicht alles wissen, um zu fühlen, dass etwas nicht stimmt.

Ein Papa, der anders ist

Kevin war schon als Kind schwer erreichbar. Nicht falsch – einfach anders. Und Danny spürt das. Er spürt, wenn sein Papa überfordert ist, wenn Antworten knapp werden, wenn Nähe kompliziert wird.

Für ein Kind ist das kein Vorwurf. Es ist einfach Realität.

Eine Mama mit eigenen Kämpfen

Brittany spricht offen über ihre Angst- und Panikattacken. Danny sieht nicht die Diagnose – er sieht nur, wenn Mama unruhig ist, wenn Pläne sich ändern, wenn etwas zu viel wird.

Er versteht nicht, warum er plötzlich nicht mehr in den Kindergarten soll. Er versteht nur, dass „keine Zeit“ ein Satz ist, der ihn betrifft.

Der Moment, in dem ich nicht mitgegangen bin

Als Brittany zum Jugendamt musste, wollte sie, dass ich sie begleite. Ich habe abgelehnt – nicht gegen sie, sondern für meine eigenen Grenzen.

Danny versteht das nicht. Er versteht nur, dass seitdem etwas anders ist. Dass Menschen, die vorher miteinander gesprochen haben, plötzlich schweigen.

Was bleibt

Ich sehe einen kleinen Jungen, der versucht, in einer Welt klarzukommen, die für Erwachsene schon schwer zu sortieren ist. Ich sehe seine Fragen, seine Unsicherheiten, seine Versuche, alles richtig zu machen.

Und ich sehe, wie wichtig es ist, dass er wenigstens einen Ort hat, an dem er einfach Kind sein darf.

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