Warum ich so oft umgezogen bin

– eine Erklärung für meinen Sohn

Kevin, hier ist die Wahrheit über mein Leben

Kevin, du hast mich gefragt, warum ich so oft umgezogen bin. Ich möchte dir darauf nicht irgendeine Antwort geben, sondern die wahre, die ganze, die persönliche. Nicht, um jemanden schlecht zu machen. Nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern damit du verstehst, wo ich herkomme — und warum mein Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist.

Meine Kindheit – ein Leben ohne festen Boden

Ich bin nicht in einem stabilen Zuhause groß geworden. Als Baby lebte ich in Oberrodenbach, im Hotel Barbarossa. Nach der Trennung meiner Eltern wurde ich hin‑ und hergeschoben. Ich war viel bei Oma Marichen in Hanau — sie war mein sicherster Ort.

Mein Vater zog mit mir und seiner Freundin nach Langenselbold. Dann wieder zurück nach Hanau. Dann brachte er mich in den Sommerferien nach Kiel — zu völlig fremden Menschen. Ich war ein kleines Mädchen, das ständig irgendwo „untergebracht“ wurde.

Bis zur fünften Klasse lebte ich bei Oma Marichen. Mein Vater verschwand irgendwann.

Mitten in der fünften Klasse kam ich zu meiner Mutter nach Oberrodenbach. In der neunten Klasse wieder zurück zu meinem Vater nach Hanau. Als er im Lotto gewann, flog er nach Amerika — und ließ mich ohne Geld zurück. Ich musste mich selbst durchbringen.

Meine Jugend – früh auf mich allein gestellt

Mit gerade16 geworden, zog ich im August 1979 in mein erstes eigenes Zimmer in Hanau. 12 Quadratmeter, Waschbecken im Zimmer, Toilette auf dem Flur. Ich machte meine Ausbildung in Frankfurt und fuhr jeden Tag mit dem Zug.

Nach der Lehre zog ich nach Offenbach, fühlte mich dort aber nicht wohl. Also wieder zurück nach Rodenbach — in eine Einliegerwohnung bei einer Familie, die mir gut tat.

Die Zeit mit deinem Vater – und der Versuch, ein Zuhause zu bauen

Als dein Papa und ich zusammenzogen, fanden wir eine kleine Wohnung in Hanau. Mit Nadine im Bauch zogen wir nach Hasselroth — eine Wohnung, die nie warm wurde. Dann bekamen wir die Wohnung über der Raiffeisenbank in Rodenbach. Dort wurdest du geboren.

Wir bauten ein Reihenhaus in Langenselbold. Nach einem Jahr wollte dein Vater unbedingt weg. Dann Großkrotzenburg — dort gingst du in den Kindergarten. Nach vier Jahren wollte dein Vater wieder unbedingt zurück nach Rodenbach, wo du dann auch eingeschult wurdest.

Warum ich so oft für dich Entscheidungen getroffen habe

Du hattest damals große Schwierigkeiten in der Schule. Kopfschmerzen, Bauchweh, Beinweh — alles, um nicht hingehen zu müssen. Ich habe dich verstanden. Ich habe dich gesehen.

Ich besorgte dir einen Platz in der Paul‑Gerhardt‑Schule in Kahl. Ich kündigte meinen Job, eröffnete ein Geschäft, um eure Schulwege zu organisieren. Ich wollte, dass du dort bleibst — aber dein Vater wollte es nicht weiter zahlen.

Das war der Moment, an dem ich wusste, dass ich gehen muss.

Die Jahre danach – immer wieder neu anfangen

Ich zog nach Karlstein, später nach Aalen, dann wieder zurück. Ich suchte Wohnungen, in denen Hunde erlaubt waren, in denen wir Platz hatten, in denen ich arbeiten konnte. Ich suchte immer Lösungen — nie Fluchtwege.

Ich arbeitete, verlor Jobs, fand neue, machte Weiterbildungen, kämpfte mich durch. Ich hatte einen schweren Autounfall, war in der Klinik, kam zurück — und ihr wart weg. Ich war krank, ohne es zu wissen. Die richtige Diagnose bekam ich erst 2016.

Ich zog nach Seligenstadt, dann nach Kleinostheim, dann nach Kahl, dann nach Mainaschaff, dann nach Hainburg.

Nicht, weil ich nicht bleiben wollte. Sondern weil das Leben mich immer wieder gezwungen hat, neu anzufangen.

Kevin, das ist die Wahrheit

Ich bin nicht umgezogen, weil ich unruhig war. Ich bin umgezogen, weil ich überleben musste. Weil ich für euch sorgen wollte. Weil ich keine Hilfe hatte. Weil ich immer wieder neu anfangen musste, wenn andere Entscheidungen mein Leben erschüttert haben.

Ich habe Fehler gemacht. Ich habe gekämpft. Ich habe getragen, was zu tragen war. Und ich habe nie aufgehört, euch zu lieben — egal, wo wir gewohnt haben.

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