2025

17.Dez.2025

Es war einer dieser klaren, kalten Dezembertage. Ich war bei meiner Tochter, und wir standen zu dritt im Schlafzimmer am Fenster: sie, ich und Mara – 11 Jahre alt, ruhig, aufmerksam, schon fast jugendlich in ihrer Art. Von dort aus konnten wir direkt in den Garten sehen, auf das Trampolin von Kevin und seiner Familie.

Daniel und Jayden waren draußen und sprangen herum, lachten, machten Quatsch.
Und dann passierte es – plötzlich, ohne ein Wort, ohne jede Vorwarnung.

Jayden sprang Daniel von hinten voll in die Knie. Einfach so. Daniel sackte zusammen, fing an zu weinen, und in mir zog sich alles zusammen. Meine Tochter sah mich an und sagte nur: „Mama, hast du’s gesehen? Das macht er öfter.“ Und ich dachte: Ja. Und es tut jedes Mal weh, das mit anzusehen.

Ich öffnete das Fenster und rief hinaus – ruhig, klar, ohne Anschreien: „Jayden, hör bitte damit auf. Du tust Daniel weh. Lass das.“

Daniel schaute hoch, wischte sich die Tränen weg und wirkte erleichtert. Er winkte sogar. Ein kleiner Moment, der mir zeigte, dass er sich gesehen fühlte.

Etwa eine Viertelstunde später stand ich draußen am Auto und holte etwas aus dem Kofferraum. Da sah ich, wie Jayden ins Haus lief – weinend. Und sofort war dieses bekannte Gefühl da: Was wird jetzt daraus gemacht?

Drinnen hörte ich Stimmen, eine Diskussion im Flur. Nadine erklärte Brittany, dass ich Jayden nicht angeschrien hatte. Dass wir alle gesehen hatten, was passiert war. Dass ich nur eingegriffen hatte, weil Daniel verletzt wurde. So, wie es jeder Erwachsene tun würde.

Stunden später kam Kevin von der Arbeit. Ich war in meinem Zimmer, als ich hörte, wie er die Treppe herunterpolterte. Ich hatte meine Tür abgeschlossen – aus Selbstschutz. Weil ich nie weiß, in welcher Stimmung er ist. Weil ich nie weiß, ob er wieder ohne Anklopfen hereinstürmt und mich anschreit.

Er trommelte gegen die Tür. Ich wartete. Atmete. Dann schloss ich auf.

Er explodierte. Worte, die weh tun. Worte, die ich schon zu oft gehört habe. Ich nahm es auf – nicht aus Bosheit, sondern weil ich inzwischen gelernt habe, dass ich mich schützen muss. Meine Tochter kam herunter, stellte sich neben mich. Sie sagte später: „Mama, ich bin sofort runter, weil ich nicht wusste, wie er reagiert.“

Und das sagt eigentlich alles.

Bevor er ging, schlug er noch mit voller Wucht auf einen Schrank. Ich stand da, innerlich zitternd, äußerlich ruhig. Wie so oft,

Nachtrag:

Ich habe zwei Tage darüber nachgedacht. Zwei Tage, in denen ich mich gefragt habe, ob ich übertreibe, ob ich still sein sollte, ob ich einfach wieder schlucke, wie ich es so oft getan habe.

Aber dann habe ich es getan: Ich bin zur Polizei gegangen und habe eine Anzeige gemacht.

Nicht, weil ich will, dass mein eigener Sohn vor Gericht landet. Sondern weil ich endlich etwas brauche, das mich schützt. Etwas, das festhält, was hier passiert. Etwas, das da ist, falls er eines Tages wirklich komplett ausrastet.

Ich muss mir nicht alles gefallen lassen. Ich darf Grenzen haben. Ich darf mich schützen.

Und vielleicht ist das der erste Schritt, den ich viel früher hätte gehen sollen.

Das Leben mit ME/CFS

Eine sensible Reise im Umgang mit der eigenen Energie

Mit ME/CFS zu leben bedeutet, jeden Tag auf einem seidenen Faden zu balancieren. Nichts ist selbstverständlich, alles muss bewusst eingeteilt werden. Einer der wichtigsten Schlüssel, um den Alltag überhaupt bewältigen zu können – und vor allem, um eine Verschlechterung zu verhindern – ist Pacing.

Ich stelle mir meine Energie oft wie ein streng begrenztes Budget vor. Ein kleines Konto, das sich nicht einfach auffüllen lässt. „Konfrontation“, also stur weiterzumachen, obwohl der Körper längst „Stopp“ schreit, ist das Gegenteil von hilfreich. Im schlimmsten Fall führt es direkt in die gefürchtete Post‑Exertional Malaise (PEM) – eine Verschlechterung, die Tage, Wochen oder länger anhalten kann.

Pacing ist deshalb kein Zeichen von Schwäche. Es ist Überlebensstrategie. Es ist Selbstschutz. Es ist die Kunst, die eigenen Grenzen zu kennen und sie konsequent zu respektieren, bevor man in die PEM‑Falle rutscht.

Der Körper sendet ständig Signale. Manche leise, manche unüberhörbar. Wenn der Gang plötzlich unsicher wird oder man häufiger ins Stolpern gerät, ist das kein „komisches Gefühl“, sondern ein deutliches Warnsignal des Nervensystems. Es zeigt: Überforderung. Und genau in solchen Momenten weiterzumachen, „weil es jetzt halt sein muss“, kann nicht nur zu Stürzen führen, sondern die Überlastung langfristig verschlimmern. Diese Zeichen sind keine Einbildung. Sie sind Wegweiser, die ernst genommen werden wollen.

Schonung in Phasen tiefer Erschöpfung ist kein psychologisches Problem und kein Vermeidungsverhalten. Sie ist ein zentraler Bestandteil des Krankheitsmanagements. Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS betont klar, dass Aktivitäten während einer PEM‑Attacke drastisch reduziert werden müssen, um einen längeren oder schwereren Crash zu verhindern.

Ich stelle mir das manchmal wie eine Reparaturwerkstatt vor: Eine Maschine, die beschädigt ist, muss ruhen, damit sie sich überhaupt erholen kann. Jede zusätzliche Belastung vergrößert den Schaden nur weiter.

ME/CFS zwingt mich, achtsam zu sein. Aufmerksam. Konsequent.

Es ist eine sensible Reise im Umgang mit meiner Energie – und jeden Tag lerne ich ein Stück mehr, wie ich diesen Weg gehen kann, ohne mich selbst zu verlieren.

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